Gockels *Wallenstein* verbindet Schillers Drama mit Russlands moderner Kriegsrealität

Admin User
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Skulpturen und eine Wand mit Text in der Mitte.

Gockels *Wallenstein* verbindet Schillers Drama mit Russlands moderner Kriegsrealität

Eine kühne Neuinszenierung von Schillers Wallenstein unter der Regie von Jan-Christoph Gockel hat Premiere gefeiert. In der siebenstündigen Produktion verschmolzen die Themen Krieg, Verrat und Macht mit frappierenden Parallelen zu modernen Konflikten. Im Kern verwebte das Stück Friedrich Schillers Klassiker mit der Geschichte des russischen Kriegsunternehmers Jewgeni Prigoschin.

Der Abend begann nicht mit Drama, sondern mit einer Vortragsperformance des russischen Künstlers Serge, der Prigoschins Rolle in der modernen Kriegsführung analysierte. Damit war der Rahmen für eine Inszenierung gesteckt, die Geschichte und Gegenwart verschwimmen ließ.

Die Aufführung entfaltete sich als ein Schlachtmahl in sieben Gängen, in dem Schillers Wallenstein und Prigoschins Erzählung in dialektischer Spannung aufeinandertrafen. Gockel kürzte den Originaltext stark und rahmte ihn mit neuen Prologen und Epilogen ein. Das Publikum erlebte während der marathonglangen Spielzeit drei Pausen, die Momente der Reflexion inmitten der Intensität ermöglichten.

Auf der Bühne wurde eine lange Küchenarbeitsplatte zum zentralen Element. Das Ensemble hackte Zutaten und führte Messer unter Live-Kameraübertragungen und Mikrofonen – eine unheimliche Parallele zwischen Kochen und Kampf. Serge beschwor sogar den Ridikulus-Zauber aus Harry Potter, verwandelte Angst in schwarzen Humor, während die Darsteller von Küchenpersonal zu Bauern und schließlich zu Wallensteins Soldaten wurden. Schauspielerinnen trugen Muskelanzüge und raue Bärte, was der Inszenierung eine rohe, körperliche Energie verlieh.

Eines der beklemmendsten Elemente war der Auftritt einer kleinen Koch-Puppe, gespielt von Michael Pietsch. Die Vorrichtung verlieh Samuel Koch – einem gelähmten Performerkünstler – für kurze Zeit die Illusion einer lebendigen Marionette. Nach sechs Stunden Spannungsaufbau führte die Puppe nur wenige gezielte Armbewegungen und zwei schwere Schritte aus, ein Moment von zerbrechlicher Tiefe. Kochs Darstellung Wallensteins blieb indes ruhig und nachdenklich und bildete so einen Gegenpol zum Chaos um ihn herum.

Hinter den Kulissen verband die Produktion Recherchen über die russischen Wagner-Söldner mit den mechanischen Innovationen, die Kochs Körper in Bewegung setzten. Dieser doppelte Fokus unterstrich die Themen Kontrolle und Manipulation, die sich sowohl durch Schillers Text als auch durch Prigoschins realen Einfluss ziehen.

Gockels Wallenstein hinterließ beim Publikum eine Inszenierung, die intellektuell ebenso anspruchsvoll wie visuell packend war. Die Mischung aus historischem Drama, moderner Kriegsanalyse und innovativer Bühnenkunst schuf ein einzigartiges Theatererlebnis. Indem die Aufführung Schillers Werk des 19. Jahrhunderts mit den geopolitischen Spannungen von heute verband, zwang sie zu einer Auseinandersetzung mit der zeitlosen Natur von Macht und Konflikt.